Darum sind Äpfel Superfood
Freddy Dutz · 1. August 2026

Cover-Foto: Korbiniansapfel · Gerlinde Grossmann
Hamburg. August 2026. Superfood soll, den Handel sowieso, auch die Konsument:innen langlebig und gesund machen. Wer's glaubt … Nachgewiesen gesund sind auf jeden Fall Äpfel. Und die sind schon länger in unseren Breiten heimisch, als manches Körnchen, nach dessen Konsum uns ein fast ewiges Leben versprochen wird.
Angeblich kommt der Apfel schon in der Bibel vor. Doch das ist ein Irrtum. Selbst die biblische Vergleichsgröße zum weiblichen Busen, der Granatapfel, sollte hier unerwähnt bleiben, denn der ist gar kein Apfel.
Erst vor 2000 hat es der Apfel aus Asien kommend, nach Südeuropa geschafft hatte. Sicher war er damals weder so groß noch so süß und saftig wie heute.
Bis der Apfel so schmackhaft wurde, wie wir in kennen, vergingen viele Generationen. Der Apfel, das Runde und Vollkommene, waren weniger Nahrungsmittel, als schon seit der Antike Herrschersymbol. Die deutschen Kaiser übernahmen das Symbol als Reichsapfel zu den Insignien neben Zepter und Krone und das lange, bevor sich die Erkenntnis durchsetzte, dass die Welt doch keine Scheibe ist. Die Kirche hatte – angelehnt an die jüdische Tradition – so ihre liebe Not mit dem Apfel, denn er stand für allerhand Zauber im Umfeld mit Liebe, Lust und Sex. Und weil seine lateinische Bezeichnung „malum" auch das Wort für „das Schlechte, das Böse" bedeutet, fand er überhaupt keine Gnade. Dass man den Apfel dem Heiligen Nikolaus als Zeichen zuordnet hat, hat zwar den Volksglauben gestärkt, die Theologen allerdings sauer gestimmt – ganz so, wie die früheren Holzäpfel ja auch geschmeckt haben.
Der Apfel wird für aller Unbill verantwortlich gemacht. Da gibt seine denunziatorische Erwähnung, dem der Hinauswurf aus dem Paradies folgte und der „Zankapfel" soll den Trojanischen Krieg ausgelöst haben.
Ob der Apfel schon immer so gesund war, weiß ich nicht. Heute ist er eine löbliche, ausgewogene, mineralstoffreiche Frucht mit einem hohen Phenolanteil und Karotin. „An Apple a day keeps the doctor away" ist zutreffend: reguliert er doch die Darmflora und die Mundflora, fördert die Verdauung, lindert Nervosität und Reizbarkeit, senkt den Cholesterin-Spiegel, und beugt so Herzinfarkte vor, unterstützt die Abwehrkräfte, stärkt das Zahnfleisch, schützt vor Thrombosen, zerstört die Harnsäure und beugt damit Rheuma und Gicht vor, und hemmt Bakterien und Viren.
Und dann gibt es da noch die Geschichte eines besonderen Apfels, die aus verschiedenen Gründen erzählenswert ist:
Korbinian Aigner, 1885 in Oberbayern geboren, wurde katholischer Pfarrer und interessierte sich schon früh für den Obstbau, denn Obst war als Zugewinn zur Landwirtschaft für die Bauern wichtig. Weil ihm die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen sehr am Herzen lag, engagierte er sich auch politisch. 1923 ging er in München zu einer Versammlung der Nationalsozialisten, in der Hitler den Juden, Kommunisten und katholischen Pfarrern den Tod in Aussicht stellte. Von da an bekämpfte er Hitler und dessen Anhänger. In seinen Predigten sprach er offen die wachsende Bedrohung an und erregte Anstoß, als er sich als Pfarrer dagegen wehrte, Kinder auf den plötzlich so beliebten Namen „Adolf" zu taufen.
Am 26. März 1936 sollten anlässlich eines Friedensappells Hitlers im ganzen Land die Glocken läuten. Bei Korbinian Aigner blieben die Glocken stumm. Es folgte eine Strafversetzung.
Einen Tag nach dem unerfolgreichen Attentat auf Hitler behandelte Korbinian Aigner in der Religionsstunde am 9. November 1939 in der Schulunterricht das Fünfte Gebot „Du sollst nicht töten!" Er ging im Unterrichtsgespräch über die schwere Sünde des Tötens auch auf das aktuelle Geschehen ein und sagte (wie später von Zeugen zitiert wurde): „Ich weiß nicht, ob das Sünde ist, was der Attentäter im Sinn hatte. Dann wäre halt vielleicht eine Million Menschen gerettet worden." Aigner wurde denunziert und zu 7 Monaten Gefängnis in der Münchner Haftanstalt Stadelheim verurteilt. Anschließend kam er ins KZ Sachsenhausen, und später nach Dachau in den so genannten „Priesterblock". Arbeiten musste er in der „Plantage", womit er auch in dieser Zeit seiner Liebe, dem Obst- und Gartenbau verbunden blieb. Aus Apfelkernen züchtete er auf einem kleinen Grünstreifen zwischen zwei Baracken Apfelbäume, ja, es gelang ihm sogar die Züchtung neuer Apfelsorten. Er nannte sie KZ1, KZ2, KZ3 und KZ4.
Kurz vor Kriegsende wollte die SS das KZ Dachau evakuieren. Am Abend des 26. April 1945 musste Korbinian Aigner zusammen mit 10.000 entkräfteten Häftlingen den Weg in Richtung Südtirol antreten, wobei vielen, auch Korbinian Aigner, die Flucht gelang. Zwei Tage später befreiten die Amerikaner das Lager Dachau und auch Aigner konnte sein Versteck verlassen.
Aigner kehrte in seine Heimat zurück, arbeitete als Priester, widmete sich weiter der Apfelzucht. Am besten war die Sorte KZ3 geglückt, die später in der Gegend um Freising eine gängige Apfelsorte wurde und 1985, zum 100. Geburtstag Aigners, den Namen „Korbiniansapfel" erhielt. Und wenn er nicht mit den Äpfeln oder dem Organisieren des bayerischen Obstbaumverbandes beschäftigt war, dann malte er Äpfel. Aus ganz Deutschland hatte man ihm schon vor dem Krieg Äpfel geschickt, die er abmalte. Und das tat er weiterhin, sodass ein wunderbares Buch entstanden ist, in dem sie alle – über 120 an der Zahl – abgedruckt sind.
Korbinian Aigner zu Ehren, der 1966 starb, erzähle ich diese Geschichte. Die Namen seiner Widersacher bleiben ungenannt, sie werden bis zum jüngsten Gericht vergessen bleiben. Sein Name hat sich in dem Apfel gehalten.