Darum brauchen Führungskräfte Regeln
Freddy Dutz · 1. September 2026
Hamburg. September 2026. Auch wenn das Kloster-Konzept nicht jederfraus oder jedermanns Sache ist, die modernisierten Regeln von Benedikt von Nursia können helfen, das Zusammenleben und -arbeiten einfacher zu gestalten und vielleicht sogar ein bisschen mehr Friede und Gerechtigkeit am Arbeitsplatz werden zu lassen. Es gibt gute Traditionen, die sich lohnen, wieder entdeckt zu werden, denn Gedanken zum Personalmanagement sind mehr als 1500 Jahren alt.
Benedikt von Nursia lebte ungefähr von 480 bis 547. Abgestoßen von den Sitten seines Studienortes Rom begann er, ein asketisches Leben zu führen. Nachdem er „genug" nachgedacht hatte zog er los und gründete 529 das Kloster Monte Cassino. Und merkte bald, dass es ohne verlässliche, transparente Regeln schwer ist, eine Gruppe von Menschen zu organisieren. Sein Regelwerk wurde dem von ihm gegründeten Orden – und einige anderen – zur Grundlage.
Benedikt wollte mit seinen Regeln niemanden knechten, unterdrücken oder klein halten. Dass ein geschwächter Körper und ein zerschlagener Geist wenig taugen, hatte Benedikt in vielen Klöstern beobachtet. Auch fromme Männer und Frauen sollten weder hungern noch frieren, noch sich Schmerzen zufügen, sondern fröhlich Gott und den Nächsten dienen. Ach ja, und ausgeschlafen sollten sie auch sein: Weshalb die nächtliche Ruhe bei ihm nicht durch Stundengebete unterbrochen wurde.
Die 72 Kapitel des benediktinischen Regelwerkes gelten für Klostervorsteher und die Celleraren, also die Schatzmeister der Klöster. Und sie können auch dem Management anderer Unternehmen hilfreich sein.
So schreibt er über den Abt, der in Unternehmen Direktor:in oder CEO ist:
Der eingesetzte Abt bedenke aber stets, welche Bürde er auf sich genommen hat und wem er Rechenschaft über seine Verwaltung ablegen muss. Er wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll. (RB 64,7f)
Das Geheimnis erfolgreicher Personalführung fasst Benedikt in dem Ratschlag für die Führungsetage zusammen:
Er suche, mehr geliebt als gefürchtet zu werden. (RB 64,15)
Liebe – oder vielleicht kann man heute angemessener sagen: Achtung – dem Vorgesetzten gegenüber motiviert, ein Klima der Furcht lähmt einen Betrieb.
Zu den sicher schwierigsten Führungsaufgaben gehört es, Missstände anzusprechen und zu bearbeiten. Benedikt schreibt über den Chef:
Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder. Muss er aber zurechtweisen, handle er klug und gehe nicht zu weit; sonst könnte das Gefäß zerbrechen, wenn er den Rost allzu heftig auskratzen will. Stets rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit.
Dann bezieht er sich auf eine Bibelstelle: „Er denke daran, dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf." Damit wollen wir nicht sagen, er „dürfe Fehler wuchern lassen, vielmehr schneide er sie klug und liebevoll weg, wie es seiner Absicht nach jedem weiterhilft" (RB 64,11-14). Im modernen Seminar wäre die Sprache dieser Empfehlung anders, aber sinnverwandt.
Zwei Dinge im Bereich des Konfliktmanagements setzt Benedikt als selbstverständlich voraus: Die Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber dem Oberen, dem Vorgesetzten. Und zum anderen die Bereitschaft, Konflikte offen anzusprechen und nicht „hinten herum" auszutragen. Beides scheint nicht nur im Kloster hilfreich zu sein. Allerdings klappt „Gehorsam" halt nur, wenn sich die Mitarbeitenden auf die Unternehmensführung verlassen können.
Der Cellerar ist im Kloster derjenige, der die Mönche mit allem Notwendigen versorgt. Doch nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden. Benedikt legt großen Wert darauf, wie der Cellerar, also der oder die Personalchef:in oder Finanzvorstand, mit seinen Mitbrüdern, vulgo Mitarbeitenden, in solchen Situationen umgeht:
Er mache die Brüder nicht traurig. Falls ein Bruder unvernünftig etwas fordert, kränke er ihn nicht durch Verachtung, sondern schlage ihm die unangemessene Bitte vernünftig und mit Demut ab. (RB 31,6f)
Die Freude, einer der Grundzüge benediktinischer Lebensgestaltung, soll nicht getrübt werden. Und dabei kommt es durchaus auch auf die Umgangsformen an:
Vor allem habe er [der Cellerar] Demut. Kann er einem Bruder nichts geben, dann schenke er ihm wenigstens ein gutes Wort. (RB 31,13f)
In diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnenswert ist die Mahnung zur Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit:
Zur bestimmten Stunde werde gegeben, was zu geben ist, und erbeten, was zu erbitten ist; denn niemand soll verwirrt und traurig werden im Hause Gottes. (RB 31,18f)
Damit der Cellerar nicht überfordert wird, empfiehlt Benedikt: „In größeren Gemeinschaften gebe man ihm Helfer. Mit ihrer Unterstützung kann er das ihm anvertraute Amt mit innerer Ruhe verwalten." (RB 31,17) Ja, wie toll ist das denn?: Die Einsicht und Empfehlung, dass nur mit einem Team aus engagierten Kolleginnen und Kollegen die Arbeit getan werden kann.
Die sieben Elemente der geistlichen Kunst
Benedikt wollte den Mönchen die „geistliche Kunst" lehren, die er in sieben Elemente teilt. Diese Regeln in und für einen säkularen Alltag zu übersetzen, können Teilnehmende von Seminaren, im Team, lernen.
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Das erste Element ist das Hören: das Hören auf die Heilige Schrift, die Grundlage des Klosters und der Christenheit. Darüber soll meditiert, nachgedacht werden. Heute könnte z.B. das „Meditieren" der für das Unternehmen geltenden Verträge und Gesetze gemeint.
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Das zweite Element ist der Gehorsam, ein zentraler Begriff für das Leben im Kloster, ein Begriff, der die Hierarchie im Unternehmen beschreibt. Auch in klösterlichen Gemeinschaften haben sich mittlerweile demokratische Strukturen gebildet. Aber die Idee, dass eine Person oder ein Team am Ende verantwortlich ist, und deshalb Regeln setzt, diese selbst befolgt und deren Einhaltung sanktioniert, sollte eigentlich selbstverständlich sein.
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Das dritte Element ist das Schweigen, das den Weg des Menschen nach innen und „nach oben" ebnet. Diese Empfehlung ist das Gegenteil der ständigen Bereitschaft analog und digital präsent zu sein, und zu kommunizieren, oft ohne Sinn und mit wenig Verstand. Ein moderner Benedikt würde sagen: Handy weg. Klappe zu. Finger stillhalten. Er meint, dass das Schweigen als Voraussetzung für die Klarheit der Rede gilt.
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Das vierte Element ist die Demut. Benedikt beschreibt zwölf Stufen der Demut, die als ein Prozess des Reifens der Persönlichkeit zu verstehen sind. Anselm Grün, selbst ein ziemlich bekannter Benediktiner-Mönch und Cellerar in seinem Kloster, beschreibt die Demut als den „Mut, hinabzusteigen in seine Menschlichkeit, in seinen eigenen Schatten." Als Ziel der Demut beschreibt Benedikt eine „vollendete Gottesliebe, die alle Furcht vertreibt" (RB 7,67). Keine Angst mehr zu haben, vor nichts und niemandem, im Vertrauen auf eine transzendente Macht, könnte das Ziel vieler Entzugstherapien sein.
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Als fünftes Element der geistlichen Kunst bezeichnet er die Fähigkeit gut und böse, von gut und besser zu unterscheiden. Benedikt will kein Extrem, er peilt die ausgewogene Mitte an. Er nennt die Gabe der Unterscheidung die „Mutter aller Tugenden" (RB 64,19). Den Abt fordert er auf: „So halte er in allem Maß, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen" (RB 64,19).
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Das sechste Element ist die Freude, die das gemeinsame Leben bestimmen soll. Diese kommt aus Dankbarkeit. Weil die Freude das gemeinsame Leben bestimmen soll, sagt Benedikt immer wieder, dass die Menschen, die zusammenarbeiten und -leben, einander nicht „traurig" machen sollen.
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Und schließlich, siebtens, die Liebe, die die Grundhaltung der geistlichen Kunst ist. Das christliche Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe steht am Anfang von Benedikts Beschreibung der „Werkzeuge der geistlichen Kunst".
Die fünf Grundzüge des „Management à la Benedikt"
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In benediktinischen Klöstern strukturieren feste Gebetszeiten das tägliche Leben. „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden", schreibt Benedikt (RB 43,4). Regelmäßigkeiten im Alltag bringen Ordnung. Das Innehalten fokussiert auf das, was wichtig ist und als nächstes getan werden muss. Und durch die Meditation können Menschen, egal auf welcher Hierarchiestufe, sich einnorden in die Gemeinschaft des Unternehmens.
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Alsdann ist die geistliche Lesung zu nennen, die meditierende Lektüre der Bibel, und geistlichen Texten. Dies tun Benediktiner:innen, die von Benedikts Schwester Scholastika gegründet wurden, individuell und gemeinsam. Benedikt legte fest: „Beim Tisch der Brüder darf die Lesung nicht fehlen," (RB 38,1). Das bedeutet nichts anderes als: Bei Tisch wird nicht über Geschäftliches geredet. Welch ein entlastender Gedanke, dass die Pause genau das ist: eine Pause.
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Als drittes gesellt sich die Arbeit hinzu, womit ganz praktische Arbeiten gemeint sind, wie sie in der Gemeinschaft eines Klosters nun einmal auch anfallen. „Ora et labora!", „Bete und arbeite!" lautet eine bekannte Kurzformel für die benediktinische Frömmigkeit. Gebet und Arbeit sind keine Gegensätze, sondern beides greift ineinander. 1500 Jahre später heißt das: Work-Life-Balance.
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Was mir die Benediktiner so sympathisch macht, ist das Prinzip der Gastfreundschaft als vierter Grundzug benediktinischer Lebensgestaltung. Offen sein für Fremde, die Neues und Anderes mitbringen. Diversität wird empfohlen, wie schön! Und aus manchem Gast ist schon ein neuer Mitarbeiter, eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Kunde oder Kundin geworden.
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Und schließlich ist der Frieden, die Pax Benedictina, als fünfter Grundzug zu nennen: Benedikt ist darum bemüht, die Klöster zu Orten des Friedens werden zu lassen. Weil überall da, wo Menschen zusammenleben und arbeiten, Konflikte unvermeidlich sind, gehören das Bemühen um Gerechtigkeit und die Bereitschaft zur täglichen gegenseitigen Vergebung zu den vordringlichen Aufgaben der Persönlichkeitsbildung. Und das sicher nicht nur im Kloster.
Die Zitate sind entnommen aus: Regula Benedicti. Die Benediktusregel lateinisch / deutsch, hg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 1996. Die Zitatnachweise sind jeweils mit „RB" und der Kapitel- und Versnummer nachgewiesen.